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“Das ist doch reiner Zufall”
Ein Appell im Zeichen der Gleichberechtigung

Sciences Po ist eine fortschrittliche Institution. Das betont sie gerne. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau bildet keine Ausnahme. Um dies zu unterstreichen und die Bemühungen der Universität hervorzuheben, erhält jeder Studierende regelmäßig die “lettre égalité femme homme”. Diese informiert über die Fortschritte und die Recherche hinsichtlich der Thematik.

 

Angenommen, man lese sich dieses Schreiben durch, würde man Informationen folgender Art erhalten:

 

Der neue Campus in Poitiers hat beschlossen, 50% seiner Räumlichkeiten nach berühmten Frauen zu benennen. Gute Neuigkeiten. Die durchschnittliche Lohnlücke zwischen männlichen und weiblichen 2016er Sciences Po Absolvent.inn.en beträgt 15.6%. Schlechte Neuigkeiten. Abgesehen davon, bietet der Brief noch unzählige weitere Informationen bezüglich Beratungsstellen für Frauen in der Karrierewelt, junge Eltern und Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft, so zum Beispiel “Zehn Empfehlungen um Geschlechtergleichberechtigung im Unterricht zu gewährleisten”.  

 

Rundschreiben solcher Art sind gut, das ist nicht der Streitpunkt. Die Frage ist allerdings, ob dergleichen Initiativen nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben. Scheinen sie nicht heuchlerisch in Anbetracht der Tatsache,  dass die internen Strukturen an Sciences Po trotz allem patriarchalisch bleiben und die Beispiele der Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen immer noch unzählig sind?

 

„Was ist damit gemeint? Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern? Hier, bei uns?“, fragt sich so manche.r vielleicht. Oder nicht. Vielleicht hat der eine oder die andere diese Ungleichheiten selbst schon erfahren. Oder nicht.

 

Nun sollen diese Behauptungen aber natürlich nicht ohne Hand und Fuß in den Raum gestellt werden.

 

Ein sehr bezeichnendes Beispiel ist immer wieder der Universitätssport. Die Tatsache, dass Sciences Po für jede Sportart entweder gemischtgeschlechtliche Teams oder sowohl männliche als auch weibliche Mannschaften aufstellt, ist gut. Allerdings lässt ‚gut‘ noch viel Raum für Verbesserung. Zu oft noch erlebt man sie; wenn auch manchmal kurz und unterschwellig. Die Momente, in denen man sich sagt: Hier stimmt doch etwas nicht.

 

Es sind die Momente, in denen die Volleyballkapitänin einer Mannschaft zehn Minuten diskutiert, um kein Mädchen an Stelle eines Jungen aufs Feld schicken zu müssen. Es sind die Momente, in denen den Cheerleaderinnen, während sie eine monatelang eingeübte Choreographie vortragen, anzügliches Gepfeife entgegen gerufen wird. Es sind die Momente, in denen die Spiele der weiblichen Teams morgens angesetzt werden, während die Männermannschaften nachmittags antreten. Es sind die Momente, in denen die Frauenmannschaften in kleineren Teams, auf kleineren Feldern, kürzere Zeiten spielen. Man muss sich nur einmal vor Augen halten wie perfide es ist, dass die Männermannschaften bei Universitäts-Matches 80 Minuten spielen, während ein Spiel der Frauen knapp 12 Minuten dauert.  Kleinigkeiten, sagt so mancher; Kleinigkeiten, die sich akkumulieren und ein Muster kreieren, sagt ein anderer.

Nun stellt sich die Frage nach den Ursachen dieser Tatsachen. „Das mit den Spielzeiten ist doch reiner Zufall. Es gibt weniger Frauen, die Sport machen, deswegen müssen die Teams kleiner sein. Mädchen haben weniger Ausdauer als Jungs.“ Solche Ausreden darf sich eine Institution wie Sciences Po, die von sich selbst meint, Geschlechtergleichheit als Priorität zu sehen, eigentlich nicht gefallen lassen; solche Ausreden bekommt man allerdings trotzdem noch regelmäßig zu hören.

 

Die Rolle der Geschlechter im Universitätssport ist eines von vielen Beispielen für veraltete Missstände, die schon längst hätten beseitigt werden müssen. Das Thema illustriert die Problematik besonders gut. Das liegt vielleicht auch daran, dass der körperliche Aspekt, der im Sport wesentlich ist, noch allzu oft für Geschlechterungleichheiten sorgt.

 

Doch leider endet das Problem hier nicht. Am Anfang des letzten Studienjahres wurde dem Jahrgang “Simone Veil” stolz im Amphitheater Paris - Berlin verkündet: “Euer Jahrgang besteht zu 60% aus Frauen! Das ist ein tolles Zeichen für die Emanzipation der Frau.” Ach wirklich? Befragt man den Jahrgang “Simone Veil” ein Jahr später was sie davon halten, werden einem leider noch immer von diversen Beispielen der Geschlechterungleichheiten berichtet:

 

Präsidentinnen diverser Projekte erzählen von Momenten, in denen sie das Gefühl hatten, nicht den gleichen Respekt zu erhalten wie ihre männlichen Kommilitonen; von Momenten, in denen ihre Meinung von Außenstehenden der ihrer männlichen Kommilitonen untergeordnet wurde. Momente, die keine Einzelfälle darstellen, sondern ein Muster.

Wenn man als Studentin in einer Vorlesung sitzt und sich von einem Dozenten anhören muss, dass man mit einem netten Lächeln im Leben schneller vorankommt als ein männlicher Kommilitone; wenn man sich anhören muss, dass Frauen nur an Sciences Po studieren, weil sie sich einen gut verdienenden Ehemann angeln wollen, dann hat das nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

 

Hört man dann Aussagen wie: “Schau doch mal, Frauen sind heute zumindest gleichberechtigter als noch vor 20 Jahren”, dann sieht sich schon mal mit der Frage konfrontiert, was denn mit dem Intelligenzquotienten mancher Leuter passiert sei. Es ist doch paradox für ein Wort, das die Gleichheit aller impliziert, einen Komparativ anzuwenden. Man ist entweder gleichberechtigt oder man ist es nicht. Wenn man ‘gleichberechtigter’ ist, dann ist man dementsprechend nicht gleichberechtigt. Punkt.

 

Natürlich bedeutet das nicht, dass man die Fortschritte der letzten Jahre nicht loben darf, sich nicht darüber freuen soll. Es zeigt jedoch, wie wichtig es ist, das Thema nicht unter den Teppich zu kehren, um es alle fünf Jahre bei einer #metoo Debatte auszupacken, kurz “Wir wollen mehr” zu rufen und sich dann wieder seinem Alltag zu widmen. Ganz im Gegenteil. Das Thema muss in den Alltag integriert werden. Es muss sich in den Köpfen der Leute einprägen. Nur so kann die allgemeine Auffassung der Geschlechterrollen nachhaltig verändert werden.

 

Für den Moment scheint es, als blieben die Bemühungen der Universität genau das: Bemühungen. Den gewünschten Effekt haben sie allerdings noch nicht erreicht. Die Luft nach oben ist noch zu dick. Das soll aber kein Grund zum Verzweifeln sein. Noch weniger soll dieser Text eine polemische Verteufelung von Sciences Po sein. Das wäre nicht gerecht, denn Ansätze und Bereitschaft zur Verbesserung sind vorhanden. Außerdem ist das Problem wie man allgemein am Universitätssport sehen kann, nicht Sciences-Po-spezifisch. Es scheint, als wäre im akademischen Bereich die Geschlechtergleichberechtigung generell noch nicht so weit fortgeschritten, wie man es sich gerne vorstellen würde.

 

Spricht man mit den Studierenden über oben angeführte Missstände, dann trifft man auf Verständnis und Bedauern. Verständnis und Bedauern sind angebracht; Verständnis und Bedauern sind jedoch noch lange nicht genug.

An was es noch fehlt, ist die Initiative. Wenn doch alle Studierenden einverstanden sind, dass das Regelwerk des Universitätssports Männer und Frauen ungleich behandelt, warum wird es dann nicht geändert? Wenn doch der allgemeine Konsens über die Dringlichkeit der Geschlechtergleichberechtigung im Alltag vorhanden ist, warum werden dann keine Maßnahmen umgesetzt, die dem Problem entgegenwirken?

 

Vielleicht liegt es daran, dass es noch immer nicht gelungen ist, den Diskurs genügend auf das Thema zu lenken. Oft bleibt es beim gelegentlichen: „Die Diskriminierung von Frauen ist so ungerecht, findest du nicht? Ja, du hast so recht! Wir sollten etwas dagegen unternehmen. Ja, sollten wir.“ Ja, sollten wir. Das Problem liegt vielleicht in jenem Konjunktiv. Wir schreiben das Jahr 2018. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem derartige Konjunktive nicht mehr zulässig sind. Es ist schön und gut, dass wir in unseren konjunktiven Köpfen erkannt haben, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau allgemein erstrebenswert ist. Jetzt ist es allerdings endgültig an der Zeit, diesen Gedanken in unser aller Alltag in die Tat umzusetzen.    

 

Von Cosima Sagmeister