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Der Hellseher
Der israelische Altpräsident Shimon Peres verstarb am 28. September im Alter von 93 Jahren in Jerusalem. Peres‘ Geschichte und die Israels gleichen einer Parabel, sie sind miteinander verflochten, in jeglichem Sinne. Sein Erbe entspricht dem seines Landes: kompliziert, umstritten, doch stets voller Hoffnung.    

 

Ist es in einer Welt wie der unseren möglich, gleichzeitig ein Pragmatiker und ein Träumer zu sein? Diese Frage schien Shimon Peres nie gestellt zu haben, blieb er bis zu seinem Lebensende ein standfester Optimist, der beides stets vereinbarte. Es scheint so, als ob es meist nur wenigen Politikern einer Generation gelingt, ihrem Land so ein prägendes Erbe zu hinterlassen, wie es der israelische Politiker und Friedensnobelpreisträger getan hat.  

Geboren und bis zu seinem 11. Lebensjahr im heutigen Weißrussland aufgewachsen, erreichte Szymon Perski, Sohn polnischer Juden, Palästina im Jahre 1932, damals noch unter britischem Mandat. Sehr schnell stieg der junge (umbenannte) Shimon in der Politik des 1948 gegründeten Staates Israel auf, sein politisches Talent führte ihn mit 28 Jahren zum Direktorposten des Verteidigungsministeriums. Als Urgestein der israelischen Politik galt er als einer der letzten, die „King David“ David Ben Gurion persönlich kennenlernten und bei der Staatsgründung assistierten. In seiner sechzigjährigen politischen Laufbahn war er schließlich dreimal Premierminister, durchgehend Abgeordneter der Knesset und hatte verschiedene Ministerposten inne.

Doch wofür kannte man diesen Mann, der behauptete, die Zeit für sein Volk und die Bewältigung aller Konflikte schaffen zu können, eigentlich? Sein politisches Wirken ist geprägt von umstrittenen Entscheidungen, genauso wie von weltverändernden Momenten und einem unerschöpflichen Engagement für den Frieden. Eine der größten Schwierigkeiten besteht darin, ihm ein besonderes Handlungsmuster zuzuschreiben, da er stets darauf bedacht war, seinem Pragmatismus zu folgen und nicht der Politik eines bestimmten Lagers. Man kritisierte ihn für die Erbauung des Atomkraftwerks „Dimona“, genauso wie für seine anfängliche Unterstützung der Siedlungspolitik und der harten Hand in der palästinensischen Versöhnungspolitik.    

Dennoch kam es im Laufe seiner Karriere zu einem Wandel: Er distanzierte sich zunehmend von seiner früheren Politik, begründete sie allerdings mit dem Vorsatz, dass erst durch Sicherheit Frieden geschaffen werden könne. Die Einsicht, dass eine Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt die einzig realistische zu sein schien, trieb ihn schließlich dazu an, seinen Auftrag als damaliger Außenminister anzunehmen und die Gesellschaft für diese Problematik zu sensibilisieren. Gemeinsam mit Yitzhak Rabin, dem damaligen Premierminister und Jassir Arafat, dem Vertreter der PLO, machten sie sich 1993 auf den Weg nach Oslo. Was folgt, ist Geschichte.  1994 verlieh man ihm schließlich zusammen mit Arafat und Rabin den Friedensnobelpreis, für die Schließung eines Abkommens zur Selbstbestimmung der palästinensischen Gebiete. Nur ein Jahr später warf die Erschießung Yitzhak Rabins durch einen jüdischen Fundamentalisten die mühsam aufgebaute Ordnung um, der Frieden bleibt bis heute fragil.

Nach dem gescheiterten Versuch, zum vierten Mal Premierminister zu werden, bekleidete er schließlich ab 2007 das Amt des Präsidenten, was ihm große gesellschaftliche Popularität einbrachte. Seine Ausdauer, Rhetorik und Weitsichtigkeit behielt er sich in turbulenten Zeiten, immer wieder appellierte er an das Bild von Morgen, an die weitreichenden Konsequenzen jeder politischen Entscheidung. Selbstkritik und eine gewisse Portion Humor ließen ihn alt werden. Als er 2014 aus dem Amt des Präsidenten austrat, veröffentlichte er ein satirisches Video von sich, auf dem er einen neuen Job suchte. Man sieht ihn schließlich als Tankwart, Fallschirmspringer und Stand-up Comedian. Bei alldem konnte er sich nicht zurückhalten, immer einen weisen Spruch über die Wichtigkeit des Friedens an den Nächsten weiterzugeben.   

Weltweit äußerten Staatsoberhäupter ihre Beileidsbekundungen. Bei der Beerdigung in Jerusalem kamen mehr als 3000 Gäste, unter anderem Präsident Barack Obama, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Joachim Gauck. In seiner Trauerrede appellierte Obama unter anderem daran, die Friedensverhandlungen mit den palästinensischen Autoritäten nicht schleifen zu lassen, ganz im Sinne des Betrauerten. 
In einem Interview mit der New York Times kurz vor seinem Tod erzählte Peres: “Manchmal werde ich gefragt, welche meine größte Errungenschaft ist. Also sage ich: Es gab einmal einen großartigen Maler namens Mordecai Ardon, der ständig gefragt wurde, welches seiner Bilder sein schönstes sei. Also antwortete er: ‘Das Bild, welches ich morgen malen werde. ’ Das ist auch meine Antwort.

 

par Juliette Maresté