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Die Antwort auf Corona ist Umdenken - Und zwar JETZT

„Seid ihr auch Feinde der Demokratie?“ schmetterte Attila Hildmann einem Journalisten bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen entgegen. Der Kochbuchautor gehört mittlerweile zu den bekanntesten Corona-Verschwörungstheoretikern Deutschlands. Ich muss wirklich sagen, mir reicht’s! Seit März höre ich nun die verrücktesten Geschichten. Von Bill Gates, der mit Hilfe von Zwangsimpfungen den Menschen geheime Chips implantieren möchte, oder die Erfindung des Coronavirus durch ein paar Virologen in Wuhan. Vielmehr würde ich mir wünschen, dass die Gesamtheit der Verschwörungstheoretiker*innen ihre kreative Energie anstatt auf ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Presse, Politiker*innen und allgemein allen, die Masken tragen, darauf verwenden, sich zu überlegen was man tun könnte, um der Pandemie entgegenzuwirken; und vor allem – wie wir ähnliche Katastrophen in Zukunft vermeiden könnten. Wir wären dann einen gehörigen Schritt weiter. Denn die Antwort auf die Frage, wer eigentlich schuld an Corona ist, ist einfach: wir selbst. Die enorme Verbreitung des Coronavirus ist auf unser „modernes“ Konsumverhalten und unsere Lebensweise als hoch zivilisierte, jedoch egoistische Menschheit zurückzuführen. Aus diesem Grund brauchen wir nun, mehr als je zu vor, ein Umdenken in der Politik. Sowohl auf umwelt-, als auch auf sozialpolitischer Ebene.

Unter anderem Le Monde berichtete richtigerweise, dass vor allem die Landwirtschaft und die Massentierhaltung den Lebensraum von Wildtieren zerstören und Wildtiere und Menschen näher aneinanderrücken. Der NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger erklärt in einem Interview, dass „seit vielen Jahren […] Wissenschaftler und Behörden auf das Risiko“ hinweisen, dass die Zahl der Pandemien steigen wird, wenn Menschen weiterhin die „Tier-Mensch-Schranke“ schonungslos „durchbrechen“. Der Zusammenhang zwischen Viren, die verbreitet werden, und Massentierhaltung, ist größer als frau denken mag.

Im Fall des Corona-Virus wird von verschiedenem Forscher*innen die Hufeisenflederaus als sehr wahrscheinlicher Ursprung festgemacht. Zwischenwirt waren, so lautet der allgemeine Konsens, Pangoline, Schuppentiere, die auf dem Markt in Wuhan als Delikatesse verkauft wurden. Corona ist nicht das erste Virus, das in den letzten Jahren hunderte, ja tausende Menschen sterben ließ. 2003 gab es in China schon einmal ein ähnliches Virus – es verbreitete sich nur nicht über die ganze Welt.

In den 90er Jahren las man über einen Skandal im Vereinigten Königreich: In mehreren Kuhställen hatte es einen Ausbruch des sogenannten „Mad Cow Diseas“, auch „Bovine spongiform encephalopathy“ gegeben. Es handelte sich dabei um eine Infektionskrankheit, die bei Kühen Bewegungsbeschwerden, abnormales Verhalten, und schlussendlich den Tod bewirkt. Anscheinend hatten sich die Kühe infiziert, da man ihrem Kraftfutter ein Knochenmehl beigemischt hatte, in dem sich alle möglichen tierischen Überreste befanden. So wurde die Infektion von einem dieser Tiere auf die Kühe übertragen – und schließlich auch auf den Menschen.

Und 2009/2010 hatte die Welt mit der „Schweinegrippe“ zu kämpfen. Die eben genannten Beispiele mögen sich zwar sehr voneinander entscheiden, und man könnte sich fragen „Was hat das Schuppentier mit Massentierhaltung zu tun?“. Meine Antwort ist: Ganz schön viel. Die Prozedur ist dabei die gleiche: Menschen domestizieren Wildtiere, und dabei können, über einen sogenannten Zwischenwirt (die Schuppentiere bei Corona und die Kühe beim „BSE disease“) Viren vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Das Phänomen einer Pandemie ist nichts Neues, sondern eine logische Folge unserer Zivilisation.

Und jetzt?

Wir können nicht mehr zurück in vorzivilisierte Zeiten und Jäger und Sammler spielen. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie wir diese Lebensmuster ändern können, um uns weitere Pandemien zu ersparen. Wir müssen neue Richtungen einschlagen. Das fängt beim persönlichen Konsumverhalten an und sollte eine Priorität auf der politischen Agenda werden. Wie können wir garantieren, dass weniger in die Lebensräume von Wildtieren eingegriffen wird und somit mögliche Krankheitserreger übertragen werden? Nun, es ist vielleicht einfacher, als frau denken mag: Wir brauchen eine nachhaltigere Lebensweise:
Wir sollten weniger Fleisch und tierische Produkte konsumieren, die Ernährungswende einleiten und dies auch politisch kommunizieren. Der weltweite Fleischverbrauch steigt (weltweit stieg zwischen 1961 und 2009 von 23 kg auf 42 kg pro Kopf und Jahr – was natürlich auf das rasante Bevölkerungswachstum zurückzuführen ist – was noch ein weiterer Grund für die Ernährungswende ist). Aber auch andere klimaschutztechnische Maßnahmen sind ähnlich wichtig. Denn natürlich sind auch fossile Brennstoffe, Verkehr, unnützer Plastikverbrauch und die daraus folgende Verschmutzung Schuld daran, dass wir unseren Planeten zerstören. Und es kommt noch schlimmer: Alle diese Punkte tragen indirekt dazu bei, dass Lebensräume zerstört werden und somit die Wahrscheinlichkeit für weitere Pandemien steigt. Wir haben uns so sehr von der Natur entfremdet, dass wir eine einfache Gleichung immer wieder vergessen: Dem Planeten zu schaden bedeutet uns selbst zu schaden. Die logische Konsequenz ist, dass wir, um weitere Pandemien zu verhindern, klimaneutral werden müssen. Da führt kein Weg dran vorbei.

Jedoch: Keine ökologische Wende ohne eine soziale Wende. Nun haben wir also diese Pandemie am Hals, und sie macht das eigentlich so Offensichtliche erneut klar: Es gibt Menschen, die sich wirklich glücklich schätzen können. Die ganz gut leben in der Corona-Zeit: Mehr Zeit für die Familie und sich selbst, weniger Ausgaben bei gleichem Einkommen. Gleichzeitig sterben Millionen von Menschen. In den Vereinigten Staaten starben über die letzten Monate ein Viertel mehr schwarze Menschen als weiße. Rassistische Gründe einmal außen vor gelassen liegt dies vor allem daran, dass sie oft in prekären Situationen leben, ohne Krankenversicherung. Und das Schlimmste ist, es gibt keinerlei Aussicht auf Besserung. Die Fallzahlen sind nun, Ende Juni, noch höher gestiegen, als sie es zu Beginn der Pandemie waren. Danke Donald. America is definitely first when it comes to winning the Corona-Crown…

Vergleicht man Statistiken, fällt einem schnell auf: In Ländern mit einem gut organisierten Gesundheitssystem und gesetzlichen Krankenversicherungen wurde die Epidemie am effektivsten bekämpft. Doch auch in Europa, insbesondere in Frankreich, sind die Todeszahlen schmerzhaft hoch. Zu hoch, verglichen mit den sonstigen Modernitätsstandards und der Wirtschaftsleistung des Landes. Corona hat, auch in Ländern mit verhältnismäßig guten Gesundheitsstandards, klar gemacht: Gesundheit ist kein wirtschaftliches Gut. Nichts woran man sparen sollte, sondern, verdammt nochmal, investieren.

Corona ist ein Schrei. Ein lauter, vielleicht der letzte Schrei nach Reformen in der Gesundheitspolitik. Nach besseren Bezahlungen für Pfleger*innen und einer politischen Kehrtwende in der westlichen Welt. Corona ist eine eiskalte Dusche, die hoffentlich auch den letzten Skeptiker*innen klarmacht, dass, was wir unserem Planeten antun, auch zu uns zurückkommen wird. Und dass wir, schlussendlich alle im gleichen Boot sitzen. Wir sollten nicht gedankenlos zurückschreien, verzweifelt auf der Suche, nach Sündenböcken, sondern uns ernsthaft fragen, wie wir leben wollen. Was für eine Menschheit wir sein wollen. Diese Fragen behandelt der norwegische Historiker und Buchautor Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde Gut“. Er vertritt die These, dass der Mensch im Grunde wohlwollend ist. Seine Argumentation beginnt er damit, dass die Menschen, anders als von vielen Denkern, Politikern und Militärs vorhergesagt, auf Krisen oft nicht mit Panik, sondern vor allem mit Solidarität reagieren. Dass es vor allem unser schlechtes Menschenbild ist, und die Art, wie in den Medien Bericht erstattet wird, die gegebenenfalls Panik verursachen. Wenn man seiner Argumentation folgt, dann ist Corona weniger Grund zur Panik, sondern zur Solidarität. Dann sollten wir der Krise auch mit Solidarität antworten, anstatt mit reiner Panikmache.

Die Paradigmen müssen geändert werden, von „Was geht mich das denn an?!“ und „Es ist hoffnungslos!“ zu „Was können WIR tun?“ und „Wann, wie und wo geht’s los?“.

Wie wir momentan leben, ist nicht gesund. Nicht für die Natur, nicht für uns Menschen. Für niemanden. Wirklich kein Wunder, diese Pandemie. Die Antwort auf Corona muss deswegen ein radikales Umdenken in der Politik sein: Allem voran Nachhaltigkeit und Solidarität! Ein paar Anfänge sind schon zu sehen: Die Europäische Union, die etwas zusammenrückt, Frankreichs Kommunalwahlen, die von einer überraschend grün-roten Welle geprägt sind, und die abnehmende Popularität Trumps. Doch das reicht nicht. Schluss mit den politischen Nickerchen. Dafür ist keine Zeit.

 

Paula Dümpelmann, 01.07.2020