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  • Décryptages
Die Stadt der Zukunft
Smart Planning, Smart People, Smart City?

 

Es war ein langer Tag. Müde hältst du die Iris deiner Augen an den Scanner. Einen kurzen Moment später springt das Licht am Monitor auf grün und deine Wohnungstür öffnet sich. Die Lichter gehen automatisch an, synchron mit der Reihenfolge, in welcher du die einzelnen Zimmer betrittst. Wie von Geisterhand springt dein Radio an und dein Ofen beginnt zu heizen. Dein intelligentes „Home-Management“-System hat deine Gewohnheiten inzwischen studiert und gespeichert. Es unterstützt dich in deinem Alltag und scheint dir dein Leben erheblich zu erleichtern. Wie haben die Menschen das nur früher gemacht? Damals, als man zum Beispiel noch selbst den Kühlschrank kontrolliert hat und dann sogar persönlich in den Supermarkt gehen musste, um die nötigen Lebensmittel zu besorgen. Unvorstellbar!

 

Während dieses futuristische Szenario mehr nach einer „Black Mirror“-Folge als nach Realität klingt, forschen Wissenschaftler weltweit eifrig, um derartige Vorstellungen in die Tat umzusetzen. In vielen Fällen werden solche „Smart-Technologies“ bereits heute schon angewendet. Das größere Ziel dahinter ist, diese miteinander zu verbinden, sodass sie miteinander interagieren können, um das Leben ihrer Benutzer zu vereinfachen.

 

In diesem Zusammenhang hört man immer öfter von „Smart Cities“ - schlauen Städten. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter diesem Konzept?

 

Mit Einsetzen der Industrialisierung im 18. Jahrhundert beginnt auch die Urbanisierung. Menschen zieht es vermehrt in die großen Ballungsräume – die Städte, die Arbeit und somit Chancen auf eine bessere Zukunft versprechen. Metropolen entstehen und werden zu kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zentren. Die Bevölkerung wächst stetig, womit der Andrang auf die Städte zusätzlich ansteigt. Dieser Prozess setzt sich bis heute fort und es sieht nicht danach aus, als würde er bald zu einem Ende kommen. 2008 war das Jahr, in dem zum ersten Mal mehr als 50% der Weltbevölkerung in solchen Ballungszentren gelebt haben. Es wird erwartet, dass  diese Zahl bis zum Jahre 2050 auf 70% gestiegen sein wird.

 

Dieser stetige Bevölkerungszuwachs stellt die Menschheit vor neue Herausforderungen und lenkt den Fokus der Forscher vermehrt auf eben jene großen Ballungsräume. So werden beispielsweise aktuell schon weit mehr als die zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen verbraucht. Jährlich verschwenden wir rund 504 Billionen Euro an Wasserressourcen sowie Lebensmittel im Wert von 200 Milliarden Euro. Ineffizienter Energieverbrauch setzt der Umwelt zusätzlich zu. Herkömmliche Städtesysteme scheinen den Umständen nicht mehr angepasst zu sein. Sie schützen Ressourcen nicht so gut, wie es dringend nötig ist. Das ist umso tragischer, wenn man bedenkt, dass es heutzutage Möglichkeiten gibt, städtische Ökosysteme umweltfreundlicher und nachhaltiger zu gestalten.

 

Hier kommt das „Smart City“-Konzept ins Spiel. Die Meinungen bezüglich einer Definition des Begriffs spalten sich. Dieser ist in den 1990er Jahren aufgekommen und wurde zunächst im Bezug auf die  Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (engl.: ICT) in Städten verwendet. Hierbei ist es um die Frage gegangen, wie Informationstechnologien dazu beitragen können, Städte „smart“ zu machen. Dieser technisch basierte Ansatz ist jedoch bald als zu eingrenzend kritisiert worden.  Ein weiteres Problem ist zudem das Wort „smart“ an sich, welches viel Spielraum für Interpretation lässt. Allgemein gefasst kann man sagen, dass eine „Smart City“ Informationen sammelt und in einem Stadtsystem verteilt, um die Lebensqualität der Einwohner zu verbessern und Effizienz zu fördern. Das bezieht jegliche Aspekte des Lebens ein, wie etwa öffentliche Transportmöglichkeiten und Straßenverkehr, Energienutzung und Wohnen. Hierbei spielen moderne Technologien eine tragende Rolle. Allem voran geht es darum, große Mengen an Daten – den Begriff “Big Data” hat wahrscheinlich jeder schon gehört – zu sammeln und mit Hilfe dieser das Stadtsystem zu optimieren. Konkrete Beispiele helfen vielleicht, den Mangel einer genaueren Definition auszugleichen.

 

Südkorea und Singapur sind Vorreiter in der Domäne. Dort stehen „Smart City“-Konzepte im Mittelpunkt der Stadtplanung. Soll dort eine neue Nachbarschaft entstehen, werden gesammelte Umweltdaten für folgende Entscheidungen verwendet: Wo sollen Gebäude gebaut werden, damit die Windströmungen optimal zirkulieren, dadurch weniger elektrische Klimatisierung verwendet wird und somit Energie gespart werden kann? Wo fällt die Sonneneinstrahlung optimal, sodass Solarzellen ertragreich aufgestellt werden können? Wo installiert man am gelegensten Regenwasser-Erntesysteme?

Andere Daten, wie zum Beispiel bezüglich des Verkehrs, werden ebenfalls gesammelt. Diese Informationen können mit Hilfe von “Apps” an die Bürger weitergeleitet werden. Ist eine bestimmte Straße gerade besonders frequentiert, kann diese von informierten Menschen gemieden werden. Das ist ein Konzept, das jeder, der schon einmal google maps zum Autofahren verwendet hat, kennt.

 

Befürworter dieser „smart cities“ preisen die vielen Vorteile an, welche “ICT’s” bringen. Würde man Information, Technologie und Menschen verbinden, und sie miteinander interagieren lasse, so könnten alle profitieren. Schlaue Städte sollen Lösungen für Probleme wie zunehmendes Bevölkerungswachstum, eine alternde Bevölkerung und die Klimaerwärmung bieten. Das klingt genial. Vor allem wenn man bedenkt, dass mittlerweile alle Alarmsignale auf Rot stehen sollten und wir unbedingt intelligente Wege brauchen, um genau diese Herausforderungen zu bestreiten.

 

Jedoch hat jede Medaille zwei Seiten. Um die positiven Effekte solcher Innovationen gezielt ernten zu können, muss man sich der negativen genauso bewusst sein.

Man muss sich fragen, wer hinter dem „Smart Planning“ einer Stadt wie Singapur steckt. Es ist nämlich nicht die Regierung, die wohlwollend Unterkünfte für ihre Bevölkerung bauen lässt; es sind wie so oft private Firmen, die Profit erwirtschaften wollen. An sich ist das keine schlechte Sache. Es ist legitim, dass private Firmen Immobilien bauen und diese auch vermarkten. Das Ganze wird allerdings zum Problem, wenn rein wirtschaftliche Interessen in einer Stadt zu vordergründig werden und private Unternehmen zu viel Einfluss in der Stadtgestaltung bekommen. Dann läuft man Gefahr, nicht mehr nur die Verbesserung der Lebensqualität zu verfolgen, sondern die Maximierung des Profits. Ein Beispiel:

 

Genua. 2011 wurde sie als eine von 15 top „smart cities“ in Italien anerkannt. Heute zeige sie allerdings, was passieren kann, wenn private Interessen zu viel Einfluss über öffentliche erhalten, meinen Kritiker. Aggressive Urbanisierung soll dazu geführt haben, dass das geohydrologische Risiko – i.e. Überflutungen und Erdrutsche – in der Umgebung stark zugenommen hätten. Im Bestreben nach wirtschaftlichem Aufschwung und Modernisierung hätten staatliche Richtlinien bewirkt, dass nationale sowie lokale Autoritäten schrittweise Handlungsspielraum zugunsten von privaten wirtschaftlichen Akteuren aufgegeben haben; stets in der Logik, die Stadt zu einer wahren „smart city“ zu machen.

Abgesehen davon, dass hierbei Interessen der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt werden, gibt es ein anderes grundlegendes Problem: Politische AkteurInnen sind demokratisch gewählt und werden dadurch in die Verantwortung genommen. Private InteressenvertreterInnen besitzen diese Legitimität nicht. Inwiefern sind sie also dazu befugt, so großen Entscheidungsspielraum über die Stadtplanung zu haben? Wie kann die Politik rechtfertigen, ihre Handlungskompetenzen zu delegieren, ohne die Bürger mitreden zu lassen? Solche Herausforderungen stellen uns vor die wesentliche Frage, wie man sich demokratische Partizipation in einer „Smart City“, die allen voran von wirtschaftlichen Handlungsträgern vorangetrieben wird, vorstellen muss.

 

Das bringt uns zu einem weiteren Punkt: Wie sieht es mit Bürgerengagement in der „Smart City“ aus? Immerhin - sollte man meinen -  stünde die Bevölkerung im Mittelpunkt dieses Konzepts. Es geht darum, dass Leben der Menschen zu verbessern und das Zusammenleben zu optimieren. Da sollte die Wahrung der Interessen der einzelnen Bürger und Bürgerinnen ganz klar im Vordergrund stehen. Hier kommen wir zu einem weiteren Problem: der Faktor “Mensch”.

 

Mischa Dohler, Professor am King’s College London, interessiert sich genau für diesen Aspekt der „Smart Cities“: Bürgerengagement (‚citizen engagement‘). Er möchte erfahren, was die EinwohnerInnen Londons über dieses Thema denken. Er führt drei Befragungen in der Metropole durch. Die erste bezieht sich darauf, ob Menschen das Gefühl haben, sich in ihrer Stadt zu engagieren. Eine klare Antwort: 99% der Befragten täten dies nicht; aus Mangel an Zeit, meinten sie. Die zweite Phase ist interessant. Er stellt sich auf die Straße im Zentrum Londons, mit dem Ziel Menschen anzuhalten und zu einem konkreten Thema zu befragen. Die Idee dahinter?  Herauszufinden, ob sich die BewohnerInnen proaktiv engagieren und die Gelegenheit nutzen würden ihre Meinung einzubringen. 400 Menschen spricht er an; drei von ihnen nehmen sich ein Herz und bleiben überhaupt erst stehen. Die dritte Phase der Studie – in welcher er die Leute zu einem konkreten Engagement aufgefordert hätte – hat er sich erspart.

 

Was bedeutet das also für BürgerInnenengagement in der „Smart City“? Natürlich kann man argumentieren, dass das Konzept nicht nur nach schlauer Infrastruktur, sondern auch nach einer schlauen – in diesem Fall einer proaktiven – Gesellschaft streben würde. Man kann demnach behaupten, dass „Smart Cities“ aufgrund ihrer Struktur ein Magnet für engagierte und interessierte „Smart People“ sein werden; oder dass die ausgebaute Infrastruktur Bildungsmöglichkeiten für die aktuelle Bevölkerung fördern könnte, sodass gleichzeitig mit der Entwicklung der Stadt, das allgemeine Bildungsniveau steigen würde. Jedoch geschehen derartige Veränderungen nicht von heute auf morgen. Auf der anderen Seite wird eine „Smart City“ auch nicht über Nacht aus dem Boden gestampft. Was soll das also bedeuten?

 

Das Konzept der „smart city“ hat gewaltiges Zukunftspotential. Nachhaltigkeit und Effizienz müssen bei den Sorgen, die uns heute beschäftigen, ganz klar im Vordergrund stehen. Jedoch darf dabei das demokratische Prinzip unserer modernen Gesellschaften nicht verloren gehen. Ein neues Stadtmodell muss neben technologischer Innovation auch an demokratische Innovation denken. Diese „Systeme der Zukunft“ sollten so konstruiert werden, dass sie Möglichkeiten zur demokratischen Partizipation bieten und nicht privaten Interessenvertretungen die Oberhand geben. Wer weiß, in einer Zeit, in der immer öfter das Ende der westlichen Demokratien angekündigt wird; in der Rechtspopulismus und Fremdenhass zunehmend salonfähig werden; in der die EU gespalten wird; in so einer Zeit können „Smart Cities“ – wenn sie sorgsam darauf ausgelegt werden – vielleicht sogar einen erneuten Demokratieaufschwung bringen.

Par Cosima Sagmeister