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  • Reportage
Euer Weg endet hier
„We Are Animal People, Our Life Is Finish“.

 

Diesen Satz habe ich sehr häufig gehört. Seit der Grenzschließung der Balkanroute 2016 sitzen Menschen an den europäischen Außengrenzen fest, ohne die Aussicht voranzukommen. Doch was passiert mit diesen gestrandeten Menschen? Und was sind die humanitären Folgen dieser rigiden Abschottungspolitik?

 

Geschlossene Außengrenzen

Balkanroute 2015 – wir kennen die Bilder. Mehrere hunderttausend Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten gelangen über die Länder entlang der Balkanroute nach Zentraleuropa, um hier Zuflucht zu suchen. Es wird von einem „Flüchtlingsstrom“, einer „Flüchtlingswelle“, die uns überrollt gesprochen, einer „Flut“. Vokabular, das zur Entmenschlichung dieser humanitären Krise beiträgt und exemplarisch ist für die Polarisierung unserer Gesellschaft hinsichtlich dieser Situation. Reaktionen auf die Aufschreie folgen schnell: die Transitländer, wie etwa Ungarn oder Kroatien, schließen ihre Grenzen. Ein „effektiver Grenzschutz“ soll dazu dienen die Menschen davon abzuhalten weiterzukommen: Zäune, brutale Grenzpolizei und Sondertruppen, die teils aus der Armee gestellt werden, kommen zum Einsatz. Nun trennt also ein Stacheldrahtzaun Ungarn und Serbien; Mazedonien und Bulgarien sind ebenso dabei Zäune zu ziehen; Kroatien stellt Sondereinheiten auf. Die Menschen, die „zu spät“ waren, sitzen fest. Staatliche Camps sind überfüllt und oft stehen Geflüchtete nicht unter staatlicher Aufsicht; insbesondere wenn sie alleine kommen. Die Folge: Obdachlosigkeit.

„Go back! We don’t want you!“

Die Menschen versuchen trotz erweiterten Grenzschutzes weiterhin die Barrieren zu überwinden, mit verehrenden Folgen. Grenzschutzverletzungen werden unter Strafe gestellt. Die Beschädigung eines Grenzzaunes soll  bis zu fünf Jahre Haft nach sich ziehen, in anderen Worten: fünf Jahre Haft für Kriegsflüchtlinge, die Schutz suchen. Nach wie vor gelingt es Menschen, die Grenzen nach Kroatien oder Ungarn zu überwinden, im Anschluss droht ihnen jedoch eine systematisch ausgeführte Polizeigewalt durch sogenannte „Grenzschutzbeamte“.

Prügel mit  Schlagstöcken, Tritte,  Hunde, die nicht zurückgehalten werden,  Beleidigungen, Abfeuern von Schüssen aus nächster Entfernung, Demütigungen  mittels forcierter Entkleidung, absichtliche Zerstörung von Mobiltelefonen und das Konfiszieren von Wertsachen und Geld folgen auf den Grenzübertritt.  Anschließend folgen sogenannte „Pushbacks“, Abschiebungen in das Land aus dem sie kamen. So werden sie wieder nach Serbien oder Bosnien zurückgeschickt, ohne die Chance zu bekommen  einen Asylantrag zu stellen. Denn selbst wenn der Wunsch nach Asyl geäußert wird, bekommen viele Menschen nur die Antwort: „Go back! We don’t want you!“  Ob es sich dabei um Männer, Frauen, Minderjährige oder Kinder handelt sei nebensächlich.

Sie kehren  gedemütigt, verletzt und hilflos zurück, falls sie zurückkehren und nicht weggesperrt werden. Rechtlich gesehen darf man sie danach nicht mal ins Krankenhaus bringen, sie in einem Auto mitzunehmen, gilt als „Smuggling“, Menschenhandel. Sie können mir bereits sagen, welche Polizei die grausamste ist, wer nur ihre Handys oder doch noch ihr Geld nimmt, welche Polizisten die größten Hunde haben.

Ohne einen einzigen legalen Weg, ohne die leiseste Hoffnung einen Asylantrag stellen zu können, was ihr Recht wäre, verharren sie über Wochen, Monate oder Jahre dort. Diejenigen, die davon profitieren sind die Schlepper, die Profit aus dieser aussichtslosen Lage schlagen. Immer wieder bezahlen die Geflüchteten die Schlepper und klammern sich so an ihre Hoffnung. Geldzurückgarantie, wenn es nicht funktioniert, gibt es natürlich nicht.

Die Gewaltberichte von den Grenzen zeigen, dass die Polizisten auch nicht vor Frauen und Kindern mit ihren brutalen Methoden zurückschrecken. Ein Beispiel ist das sechs- jährige Mädchen Madina, aus Afghanistan. Sie wurde mit ihrer Familie durch die kroatische Grenzpolizei nachts auf Zuggleisen zurück nach Serbien geschickt. Die Familie hatte bereits ein Jahr in Serbien verbracht und hoffte durch Kroatien in ein Land zu kommen, wo sie einen Asylantrag stellen dürften. Als sie gefasst wurden, bettelten sie die Nacht bleiben zu dürfen, wurden aber, obwohl kleine Kinder unter den Geflüchteten waren, auf Zuggleisen entlang nach Serbien zurückgeschickt. Die Warnung, dass auf diesen Gleisen noch durchaus Züge fahren, haben sie nicht bekommen. Das sechsjährige Mädchen, das nicht schnell genug springen konnte, wurde von einem Zug erfasst und starb. Das ist nur eines der Beispiele des brutalen Vorgehens der Grenzbeamten gegen Geflüchtete.

Aufklärung dieser Gewaltdelikte findet kaum statt. Dafür müsste es zunächst einen Willen innerhalb des Landes geben, diese Grenzschutzverletzungen der Polizisten aufzuklären, doch den gibt es nicht. Offiziell existiert die Gewalt an den Grenzen nicht. Die zahlreichen veröffentlichten Berichte werden dementiert.

 

“Aus den Augen, aus dem Sinn.”

Trotz zahlreicher Berichte dieser systematischen Polizeigewalt wird die Grenzsicherung dieser Länder von der Europäischen Union teilweise begrüßt oder zumindest nicht ausreichend gewertet– ganz nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Die deutsche Bundesregierung gibt im August 2018 in einer Pressemitteilung bekannt, man sei „zufrieden“ mit der Rolle Kroatiens bei der Sicherung der europäischen Außengrenzen. Österreich möchte die besagten Länder sogar noch weiter bei ihrem rigiden Grenzschutz unterstützen. Zynisch angesichts der Tatsache, dass dieses Vorgehen klar geltenden europäischen Rechts widerspricht. Denn die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verpflichteten sich mit ihrem Eintritt zu Einhaltung und Durchsetzung völkerrechtlicher Regelungen. Dieser entspringt auch der „Genfer Flüchtlingskonvention“, die unter Anderem das Recht auf Asyl und den Grundsatz der Nichtzurückweisung beinhaltet. Zurückweisungen und die Verweigerung des Rechts auf Asyl stehen an der Tagesordnung, obwohl dieses unmenschliche Vorgehen klar der Genfer Flüchtlingskonvention widerspricht.

Diese Gewalt belegen zahlreiche Berichte von verschiedenen NGOs, die vor Ort arbeiten. Diese NGOs. dokumentieren die Menschenrechtsverletzungen an den Grenzen mit Bildern und Texten und publizieren diese im Internet, mittlerweile wurden  über 200 Berichte gesammelt, die Dunkelziffer ist weit höher, oft möchten sie nicht darüber sprechen.

Im Detail nachzulesen sind diese Berichte unter “BorderViolence Monitoring”. Trotz der Menge und der erschreckenden Details dieser Berichte werden Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Außengrenzen schlichtweg totgeschwiegen. Ein Armutszeugnis europäischer Sicherheitspolitik.

Wo ist die Menschlichkeit?

Seit der Schließung der Grenzen sitzen diese Menschen fest, sind gestrandet und werden vergessen. So machen wir es uns sehr einfach, wir müssen uns ja nicht mehr mit ihnen beschäftigen. Individuen werden wie ein „Niemand“ behandelt, die irgendwo im „Nirgendwo“, in improvisierten Spots, hausen und den Behörden und der Polizei in den jeweiligen Ländern ein Dorn im Auge sind. Ich frage mich: Wo ist die Menschlichkeit?

„Desert House“ ist ein drastisches Beispiel dafür: Dieser Spot, nahe der ungarischen Grenze, wurde von der Polizei im März diesen Jahres niedergebrannt. Spots, das sind verlassene Baracken, verlassene Häuser oder Zelte im Wald – ohne fließendes Wasser und Elektrizität. 30 Menschen lebten in “Desert House”. In der besagten Nacht wurden diese mit Stöcken in den Wald getrieben und mussten zusehen, wie ihr Haus angezündet wurde. Bei dem Brand verloren sie all ihre Habseligkeiten, teilweise noch aus ihrer Heimat stammend, und die sich meistens auf einen Rucksack beschränkten.

 

Menschen auf den Spots stehen nicht unter staatlicher Aufsicht. Viele der Geflüchteten können oder wollen nicht in staatlich organisierte „Camps“ gehen. Entweder, weil sie überfüllt sind, oder weil es sich um geschlossene Orte handelt, die Gefängnissen gleichen und aus diesen sie nicht mehr herauskommen. In anderen Fällen dürfen die Geflüchteten  die Camps gar nicht betreten, da der Staat sich um unbegleitete (insbesondere männliche) Flüchtlinge nicht unter seine Aufsicht nehmen möchte. Deswegen leben sie auf den sogenannten „Spots“ nahe der ungarischen und kroatischen Grenze.

„I don’t have a Future“

Einer dieser Spots heißt „Horgos“, eine Reihe verlassener Häuser ebenfalls nahe der ungarischen Grenze. Das war das Zentrum meines Praktikums.

Horgos – idyllisch gelegen mitten in der serbischen Landschaft. Ein riesiges verwildertes Gelände mit alten Bauernhäusern, zwischen den Feldern einiger serbischer Bauern, nahe der Stadt Subotica. Zwischen 20 und 100 Leute schlafen hier in maroden Häusern. Das einzige intakte Haus mit funktionierenden Fenstern und einem Dach wurde von der Polizei verbarrikadiert. Die Leute sind überwiegend zwischen 16 und 25 Jahren alt. Die meisten aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak, aber auch aus Syrien und Somalia. Tagsüber spielen sie Cricket, kochen auf improvisierten Kochstellen und warten auf ihren Glückstag, auf ihre Chance endlich weiterzukommen. Jedes Mal empfangen sie uns wie Könige, sie bekochen uns, wir lachen zusammen, spielen und diskutieren, man könnte meinen wir seien gewöhnliche Freunde. Man fühlt sich aufgenommen und ihre Gastfreundschaft ist enorm, angesichts der Tatsache, dass es doch gerade sie sind, die niemand empfangen möchte.  Und genau das macht es so schwierig. Es ist einfach die Thematik zu banalisieren, indem man nur die Zahlen sieht und sie darauf reduziert, indem man die Menschen dahinter vergisst, weil man ihnen ja nicht in die Augen sehen muss, indem man sie komplett entmenschlicht. Selbstverletzung und Selbstmordgedanken haben einige. Nicht selten flüchten sie sich aus Frust in den Alkohol und Drogenkonsum. Einmal hat sich einer der Geflüchteten in unserer Anwesenheit betrunken und seinen Kopf immer wieder schreiend und weinend gegen die Wand gehauen: „I don’t have a futur“, rief er.

Die Leute, die überwiegend meines Alters sind, leben dort vor sich hin; das Schlimmste ist nichts zu tun zu haben und nicht zu wissen, wie es weiter gehen soll, sagen sie.. Aber Hoffnung schöpfen sie dennoch immer wieder, „inshall’ah today I will make it“, ist ihre Hymne, jedes Mal aufs Neue.  Die Aussichtslosigkeit verbindet sie  „Ich fühle mich alleine, ich vermisse meine Familie“ erzählt mir einer zu den Festlichkeiten am Ende des Ramadans: „Uns verbindet die Verzweiflung, aber jeder ist auf sich alleine gestellt, wir haben niemanden mehr. Das hier, das ist doch kein Leben! Alles ist besser, als dieses Leben“, sagt er.

Abends sobald die Dunkelheit hereinbricht versuchen sie das „Game“, so nennen sie den Versuch die Grenze zu überqueren. Game, weil es einem Lottospiel gleicht: du verlierst alles oder du gewinnst. Meistens verlierst du.

Und dennoch probieren die Menschen es weiter – „one time I will pass, I am sure“ hat mir einer gesagt, der bereits seit anderthalb Jahren in Serbien festsitzt. Er ist 20 Jahre alt, drei seiner Brüder sind bereits in Deutschland und haben Asyl, er war zu spät.  Rückkehr ist für ihn, wie aber auch für die meisten, ausgeschlossen. „Wohin soll ich auch?“, fragt er. Er kommt aus Afghanistan aus einer Region in der die Taliban noch sehr präsent sind. Einmal fängt er an zu weinen, er wurde von Grenzbeamten als “Taliban” bezeichnet, der nicht nach Europa dürfe. Die Taliban, erzählt er mir, haben Teile seiner Familie getötet. “Die wissen gar nicht, was das bedeutet”. Seine Familie ist geflohen, nach Pakistan, wie so viele und sie haben die Kinder in Richtung Europa geschickt.. Er fühle sich sehr alleine, sagt er, er habe ja auch keinen Ort mehr, wohin er könne, er ist heimatlos. „Warum haben die Europäer so Angst vor uns?“, fragt er mich. „“Warum möchte uns niemand? Aber „inshall’ah in one  week I am in Germany“, versichert er mir oder vielleicht sich selbst seit nunmehr fünf Monaten.

Wie können wir das zulassen?  

Das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt. Wir - eine freiheitliche und offene Gesellschaft. Eine Union, die den Friedensnobelpreis erhalten hat, eine Union deren Basis Werte und die Achtung der Menschenrechte sein sollte. Dies alles geschieht vor unserer Haustür, es geschieht damit wir „entlastet“ werden, damit wir uns um diese Menschen nicht mehr kümmern müssen. Was dabei eben vergessen wird sind die individuellen Schicksale. Menschen wie du und ich. Wir müssen ihnen nicht mehr ins Gesicht blicken. Dort zu sein ist eine Zerreißprobe:  Ich bekomme Angst, wenn ich keine Antworten mehr habe, kann nicht schlafen, wenn sie plötzlich mal wieder verschwinden und niemand weiß wohin. Die Polizei? Gefängnis? Oder ist doch etwas Schlimmeres passiert? Das Schlimmste ist, wenn sie verschwinden oder nie mehr auftauchen, ist es so als hätte es sie nie gegeben. Sie sind ja nicht registriert, das Wertvollste an einem Menschen ist nicht sein Menschsein, sonder sein Pass könnte man meinen.

Für diese Menschen, egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, die oftmals schon traumatisiert sind durch das, was sie in ihren Heimatländern erlebt haben, soll es keine Perspektive, keine Hoffnung, nicht mal ein gerechtes Verfahren mehr geben. Warum? Weil wir unsere Empathie verlieren, weil wir sie als Masse und nicht als Menschen betrachten. Als Flut, Welle und Strom. „Die Menschenwürde ist unantastbar“.  Sie ist das Fundament unseres Rechtsstaates und der Menschenrechte im Allgemeinen. Doch dort verschwindet die Würde des Menschen, sie wird buchstäblich mit den Füßen getreten. Das ist der Grund, warum es so wichtig ist ihnen ein Gesicht geben, man muss weiterhin versuchen Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, obwohl es so aussichtslos erscheint, doch nur so kann man versuchen dafür zu kämpfen, dass sie ihre Menschlichkeit noch bewahren. Denn die Menschenwürde ist unantastbar, egal woher man kommt.

 

Par Pauline Zapke