Facebook
  • Décryptages
Masculinity of Today: stellt euch der Debatte !

 

Femen, #Metoo, Klitoris: neue Semantik in unserem Sprachgebrauch aufgrund der Errungenschaften des Feminismus. Die Früchte dieser längst überfälligen Revolution haben sich tief verpflanzen in der gesellschaftlichen Debatte. Der Feminismus hat es vom politischen Rand in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Das Ergebnis: Ein emanzipiertes Frauenbild, das es heute jeder Frau ermöglicht, so zu sein wie sie will. Ein echter Erfolg.

Was haben wir Männer seit einem Jahrhundert, gemessen an diesen ersten emanzipatorischen Aktionen von Frauen geschafft? Recht wenig. Unser Rollenbild und unsere Ansprüche an unser Geschlecht haben sich kaum verändert, abgesehen von der Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen, welche auch nur mehrheitlich toleriert, aber in der Auslebung meist nicht akzeptiert werden. Dabei stellt sich diese Frage ja auch gar nicht, da wir als Männer in einem komfortablen gesellschaftlichen Konstrukt leben. In unseren persönlichen Werdegängen werden den meisten nur einige beachtliche Steine in den Weg gelegt, die uns dazu anstiften sollen, uns die Frage zu stellen: Was bedeutet Männlichkeit, inwiefern lebe ich sie und wie ist sie aufgebaut?  Da wir ja nur ein schon lange bestehendes Modell weiter ausleben müssen. Urteilende Blicke sanktionieren Jungen, wenn sie etwas „Unmännliches“ machen.

In den meisten Vater-Sohn-Beziehungen können wir beobachten, dass sich die Debatte um unsere „Männlichkeit“ oft auf nur funktionelle Fragen zu unserem Körper beschränken. Dieses Schema ist übrigens auch in den meisten westlichen Filmen wiederzufinden. Das Bild, das dadurch entsteht, wird gesamtgesellschaftlich beflügelt, indem man versucht testosterongesteuerte Aktionen durch das “Männlichsein” zu bekräftigen. Beispielhaft dafür sind Fotos von den sogenannten „Dad-days“ der berüchtigten US-amerikanischen Fraternities. Gegensätzlich zu den Gruppenfotos von Söhnen und Vätern an diesen „Dad’s days”, hängen die pittoresken Fotos des „Mum’s day“, wo erwachsene Söhne lächelnd ihre Mütter umarmen und küssen. Wieso denn auch nicht, das passt ja in unser Rollenbild? Eine Beziehung zu einem Vater muss immer rational gesteuert sein, nur an Frauen darf man warmherzig rangehen. Doch dieses fragliche „weiter so“ ist kein gutes Modell für essenzielle gesellschaftliche Fragen.

Die meisten jungen Männer entdecken ihr Männlichkeit erst zu Beginn ihres Sexuallebens. Dieses ist prägend für die Eigenwahrnehmung, aber folglich auch für die Auslegung des männlichen Seins, welches sich fortan oft recht kategorisch weiterführen wird.

Die Wahrnehmung seiner Selbst, die man durch die Beziehung zu seinem Sexualpartner erhält, ist primär. Wenn nicht einer der Hauptmomente, um unsere Männlichkeit zu definieren. Die oftmals hierarchischen Strukturen in der Beziehung sind geprägt durch eine dominante Stellung des Mannes. Diese führt zu einem Überlegenheitsgefühl, welches von Anbeginn der Beziehung weiter ausgelebt wird und sich dann in unserer gesamtgesellschaftlichen Stellung, allem voran in der Arbeitswelt widerspiegelt. Diese Rollenaufteilung wurde bis vor kurzem nicht in Frage gestellt, doch Gott sei Dank haben wir mündige Frauen, die ungleiche Strukturen unser Gesellschaft anprangern. Es wäre ja auch ein Schuss ins eigene Bein, wenn wir Männer selbst darauf gekommen wären.

Ich denke, dass die Verwestlichung unser Welt allen voran dazu geführt hat, dass unser hierarchisches Männerbild - zum Beispiel aufgrund seiner Darstellung in den Medien - zum Exportschlager wurde. Obwohl einige Kulturen die gleichen hierarchischen Strukturen aufzeigen, war der Bezug zur Debatte zur eigenen Männlichkeit im Westen vielleicht präsenter. Leider wurde dieser aber durch unsere pseudo-aufgeklärte Grundeinstellung auf den Scheiterhaufen geworfen. Rollenbilder werden auch durch den Zwang verstärkt, immer perfektere Darstellungen zu präsentieren.

In einem Podcast, ausgestrahlt vom „Boys Club“, erzählen verschiedene Männer, wie befreiend es ist mit anderen Männern über Männlichkeit zu sprechen. Banal, revolutionär und zugleich traurig. Daher sage ich an alle Männer: Stellt euch der Debatte und werdet euch eures eigenen Geschlechtes bewusst! Es geht mir nicht darum, das männliche Ideal der absoluten Virilität zu diskreditieren. Nein, Männlichkeit soll wie die Weiblichkeit in all ihren Facetten gelebt werden.

Darin besteht schlussendlich der Reichtum in diesen beiden Begriffen.

Lasst uns noch weitergehen: Lasst uns, als angebliche angehende „Elite”, uns geschlossen dieser Debatte stellen, um endlich die ganze Breite und Kapazitäten ausschöpfen zu können.

Denn letztendlich ist dies der essentielle Schritt für die Gleichstellung von Mann und Frau. Wenn wir uns selbst nicht bewusst sind, was wir sind, können wir uns der Debatte nicht stellen. Wir bleiben selbst Ursache und hinderndes Element zugleich: Wie sollen wir uns denn sonst in dieser Debatte erst nehmen, wenn unsere Beschreibungen des anderen Geschlechts sich auf oberflächliche Floskeln beschränken. Übrigens sind genau diese leeren Aussagen oft der Rahmen für unsere raren Identitätsgespräche, die sich von daher oftmals auf simple Differenzierung beschränken. Denn leider ist einer der Impulse für diese tiefgründigen Identitätsgespräche das kollektive Analysieren des anderen Geschlechts.

Von Yannis Umlauf