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Mehr Likes als Einwohner

 

Hervé Féron, 62 Jahre alt, ist Bürgermeister der 9.000-Seelen-Gemeinde Tomblaine in der Agglomeration Nancy. Ich treffe ihn am 31. Januar, einen Monat nach seinem bisher größten Coup. Mehr als 2,5 Millionen Menschen haben ihn nun schon auf ihren Bildschirmen gesehen. Mehr als 25.000 Facebook-Nutzer, die seiner Silvesteransprache an Emmanuel Macron ihren hochgestreckten Daumen hinzugefügt haben. Oder ihr Lachen, ihr Weinen, ihr Herz, ihren zum „Wow“ geöffneten Mund oder, passenderweise, ein wütendes Gesicht. Féron sitzt an seinem Schreibtisch im Rathaus von Tomblaine, im Hintergrund hängt eine Reproduktion der Erklärung der Menschenrechte von 1789. Der stämmige Mann nimmt meine Hand, schüttelt sie fest und entschuldigt sich dafür, heute etwas krank zu sein. Die Grippe geht um. Seiner Stimme merkt man das jedoch nicht an. Sie behält ihren natürlichen, einnehmenden Bariton, wie im Silvestervideo.

„An diesem letzten Abend des Jahres werden Sie sich im Fernsehen an die Franzosen wenden“, fing er seine fast 14-minütige Tirade an. „Aber eigentlich werden Sie sich hauptsächlich an die Kamera wenden, mit oder ohne Teleprompter, aber in einem Monolog, monoton, eintönig, so programmiert, dass man ihn im Voraus kennt. […] Wie Millionen von Franzosen werde ich in genau diesem Moment meinen Fernseher ausschalten, um Sie nicht zu hören. Das ist ein deutliches Zeichen der Respektlosigkeit, das ich auf mich nehme. Weil Sie keine Ihrer Aufgaben erfüllen und weil Sie das französische Volk nicht respektieren.

Wenn die Kameras ausgeschaltet sind, wenn Sie sich allein wiederfinden und nicht wissen, was Sie tun sollen, um die Stille auszufüllen, die auf diesen traurigen Abend folgen wird, Herr Präsident, lade ich Sie ein, mich zu lesen oder meine Rede zum Jahresende zu hören, auf meiner Webseite herveferon.fr.“

Die Webseite ist Hervé Férons ganzer Stolz. Mehr als drei Millionen Artikel-Klicks zeigt der Zähler, wie Féron mir mit einem Grinsen sagt. Seit 2011 vergeht selten ein Tag, an dem der Bürgermeister hier nichts schreibt. Denn nur übers Internet könne er sich frei ausdrücken, dem ist er sich sicher. Die Lokalzeitung Est Républicain sei „wie die meisten anderen Zeitungen im Besitz einer Bank. Die Journalisten sind Menschen, die versuchen zu gefallen. Und meine Äußerungen beunruhigen sie.“ Letztes Jahr im Mai, zum Beispiel wieder ein unerhörter Mangel an Respekt: Féron organisiert seit Jahren ein Theater-Festival in Tomblaine, das „größte Theater-Festival in der Region“. Die Zeitung nahm die Eröffnung nicht einmal auf die erste Seite, stattdessen erschien ein einziges schwarz-weißes Foto von der Veranstaltung, mit dem Herrn Bürgermeister „sorgfältig weggeschnitten“.  Erst diesen Morgen fühlt er sich vom Est Républicain wieder unfair behandelt. „Féron empfängt die Gelbwesten“ schreibt das Blatt – und der Bürgermeister reagiert wenig später mit einer Richtigstellung auf Facebook (193 Likes, 28 Herzen): Die Stadthalle habe er den Lothringer Gelbwesten lediglich für ihr Treffen im Februar zugesagt. Trotz seiner Sympathie für die Bewegung werde er nicht kommen und auch kein Mitglied werden. „Der Journalist hat mich angerufen. Ich wollte nicht darüber sprechen, da ich keine Lust auf Eigenwerbung habe“. Damit die Lügenpresse nicht noch mehr Unsinn schreibt, spricht Féron gar nicht erst mit ihnen. Auch mir wird kein zweites Interview gewährt, der Terminkalender sei zu voll.

Hervé Féron ist ein umtriebiger Mann. In seinem Leben war er Sozialpädagoge, Schauspieler, Musiker, Liedtexter, Radio-Moderator, Regisseur. Mit 26 Jahren stellt er sich ohne besondere Ambitionen erstmals für die Gemeindewahlen auf, wird jüngstes Mitglied des Gemeinderats in der Agglomeration Nancy. Nach und nach begeistert er sich für die Politik, bis er 2001 Bürgermeister von Tomblaine wird. 2007 geht er für die Sozialisten ins Parlament nach Paris, zehn Jahre lang bleibt er dort, neben seiner Tätigkeit als Bürgermeister. Zum Vollzeit-Politiker ist Féron aber nie geworden. Mitunter ereifert er sich auch gegen Ungerechtigkeiten, die weit über seinen Zuständigkeitsbereich hinaus gehen.

Féron fliegt im Oktober 2011 das erste Mal nach Tel-Aviv. Mit ihm reisen Thomas Vescovi, ein Geschichtsstudent und Jugendleiter der Organisation Association France Palestine Solidarité (AFPS), sowie neun engagierte Bürger und Bürgerinnen aus Lothringen. Er verbringt sechs Tage in Israel und Palästina, besucht Jerusalem, Rammallah, Betlehem, und Hebron. Und das kleine Dorf Wadi Fukin im Westjordanland, das die Organisation mit einer neuen Bewässerungsanlage ausstatten möchte. Nach der Reise veröffentlicht Féron mit seinen Mitreisenden ein Buch: „Bienvenue en Palestine“ – „Willkommen in Palästina“.

Über seine Ankunft in den besetzten Gebieten schreibt er dort: „Von nun an befinden wir uns in einem Konzentrationslager-Universum, als ob alte Dämonen nicht aufhören würden, wiederaufzutauchen“. Über betende Juden an der Klagemauer: „Der Gruppeneffekt gibt mir ein Gefühl der kollektiven Hysterie“. Über einen palästinensischen Jugendlichen: „Er ist ruhig, sympathisch. Ich frage mich, ob ein Teenager in Frankreich, der Opfer solcher Ungerechtigkeiten würde, nicht versucht wäre, Steine zu werfen?“ Den Gewinn des Buchs spendet er an AFPS.

Kaum drei Jahre später, 2014, begibt sich Féron in die Westsahara, wo er einen Dokumentarfilm über die Leiden der Sahrauis dreht, die dort leben und seit über 30 Jahren mit einem Sandwall von der marokkanisch kontrollierten Zone des Gebiets getrennt werden. Er wird auf dem Fernsehsender des französischen Senats gezeigt, in Algerien und Venezuela. Im Interview sagt der Regisseur: „Das ist wie mit Palästina, es sind Leute, die die ganze Welt im Stich lässt. Übrigens ist das Prinzip dasselbe: Man baut eine Mauer. Der Berater des Königs ist Israeli, sie bauen eine Mauer, um die Familien zu trennen und so weiter“.

Der Berater des marokkanischen Königs, André Azoulay, ist marokkanischer Staatsbürger jüdischen Glaubens. Aber nicht Israeli.

Féron ist ein französischer Politiker, der seinen Erfolg dem Umstand verdankt, nicht wie ein französischer Politiker zu wirken. Die Gelbwesten mögen die „politische Klasse“ verurteilen, über ihre Abgekapseltheit und die exorbitanten Gehälter der Abgeordneten (rund 5.600€ brutto) schimpfen. Aber sie teilen das Video von Hervé Féron, der 10 Jahre Parlamentserfahrung hat, auf ihren Facebook-Profilen.

Am 22. Januar lud er eine Fortsetzung zu seinem Erfolgsvideo hoch, mit dem Titel Acte II (diesmal nur knapp unter 900.000 Ansichten). In neun Minuten verkündet und erklärt er seine Entscheidung, Macrons grand débat zu boykottieren. Und ruft alle französischen Bürgermeister dazu auf, es ihm gleichzutun. Auch auf die Gefahr hin, dass der Präfekt die Zuweisungen kürzen wird.

Féron ist sich ziemlich sicher, dass der Präsident seine Videos schon gesehen hat. Als Abgeordneter hätte er Macron ja schon getroffen, als dieser noch Minister unter François Hollande war. Gerne würde er mit ihm unter vier Augen sprechen, über seine Vorschläge, aber die würden ihn ja nicht interessieren. „Es ist offensichtlich jemand, der von der Finanzwelt entsandt wurde, um eine Politik zu machen, die schädlich ist für die Franzosen.“ Seine zweite Botschaft an Macron hat vielleicht nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die erste, doch Férons Fans bleiben hoffnungsvoll.

 

Eine gewisse Evelynne Bertrand hinterlässt einen besonders lieben Kommentar, man weiß nicht ob der Empfänger ihm zustimmt oder nicht. Aber Férons Like hat er:

„Immer so wirkungsstark und wahrhaftig in deinen Worten

In deinen Beobachtungen und Vorschlägen

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass du der einzige Kompetente bist, um der Sprecher des Volkes zu sein

Bravo!

Präsident der Zukunft!“ (63 Likes, acht Herzen).