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Online-Pornografie Jugenddroge des 21. Jahrhunderts?

Lautes Stöhnen, schrilles Gekreische, und sonstige orgasmisch-animalische Geräusche bekommt man zu hören, wenn man nach Websites, wie etwa Pornhub, XVideos, Bonga Cams, xHamster oder XNXX sucht. Es handelt sich hierbei jedoch nicht nur um Online-Porno-Websites, sondern um viel mehr: es sind regelrechte Unternehmen und Geldmaschinen mit gesellschaftlichem Einfluss geworden. Die eben genannten finden sich laut „Alexa Internet, Inc.“ unter den 50 beliebtesten und weltweit am häufigsten frequentierten Websites überhaupt. Offizielle Statistiken gibt es nicht, doch laut unterschiedlichen Angaben, die im Internet kursieren, suchen 40% aller deutschen Kinder nach pornografischen Inhalten, während das durchschnittliche Alter des Erstkonsums elf beträgt. Und obwohl derartige Inhalte erst ab 18 Jahren per Gesetz freigegeben sind, fragen nur 3% aller Websites nach einer Alters-Überprüfung. Porno-Seiten verzeichnen jeden Monat mehr Besucher als Netflix, Amazon und Twitter zusammen! 30% aller Daten, die im Internet kursieren sind pornografische Inhalte; 63% aller 18 bis 30-Jährigen Männer sehen Pornos mehrmals wöchentlich, 21% der Frauen; und 93% aller unter 18-Jährigen Jungen haben Pornos bereits vor Abschluss ihres 18. Lebensjahres gesehen, wobei 43% in die Kategorie der wöchentlichen Nutzer fallen.

Ein falscher Eindruck von Sex und Schönheit Bei einem derartig hohen Prozentsatz an Nutzern dieser Inhalte ist es kein Wunder, dass die Jugend einen falschen Eindruck dessen bekommt, was es heißt Liebe „zu machen“. Die Art und Weise, wie Sex in den meisten dieser zehn bis 20-minütigen Filmchen dargestellt wird ist brutal, frei von Emotionen, dramatisch und vor allem eines: falsch. Was die meisten nämlich nicht wissen: Hinter der Produktion dieser „eindrucksvollen“ zehn Minuten steht in den meisten Fällen ein ganzes Kamerateam, das sich – wie für jeden anderen Film – professionell um Licht, Setting und korrekten Ablauf der Szenen nach Drehbuch kümmert. Angesichts der entwürdigenden und patriarchalen Szenen, die im Rahmen einer solchen Produktion stattfinden, ist es nur allzu verständlich, dass Jungen und Mädchen teilweise sexuell verstört oder geschädigt werden. Oder auch dazu verleitet werden zu glauben, dass das, was sich vor ihren Augen abspielt, tatsächlich genauso auch im Schlafzimmer ihrer Eltern abspielt – im Zimmer nebenan. Aber vielmehr noch: es werden falsche Schönheitsideale vermittelt. Frauen haben zu einem überwiegenden Teil das gleiche Profil: schlank, große Brüste, glatte Haare, voluminöse Lippen, eine Make-Up-Maske, lange Fingernägel und tragen „High Heels“ im Bett. Die Etablierung eines solchen Ideals hat unweigerlich zur Folge, dass Jungen sich diesem hingezogen fühlen, während Mädchen, die diesem nicht entsprechen können oder wollen als unattraktiv angesehen werden; und da Schönheits-Komplexe im Jugendalter sowieso ein Thema sein können, werden diese durch vermeintliche Ideale und Voraussetzungen zum Geschlechtsverkehr auch noch verstärkt. Umgekehrt gilt es natürlich auch zu erwähnen, dass ähnliches für die muskulären Körper der dargestellten Männer ebenso zutreffend ist.

Objektivierung von Frauen Einer der Gründe weswegen der Porno-Industrie eine gesellschaftliche Relevanz zugeschrieben werden muss, ist der negative Einfluss auf Themen wie etwa Gleichberechtigung. Das Licht in welchem Frauen (als auch Männer) in pornografischen Filmen dargestellt werden ist kein Progressives: Frauen werden in erster Linie als Objekte dargestellt, die es gilt brutal zu nutzen. Sie werden oft in Positionen gezwungen, die unmenschlich sind und wie menschliches Spielzeug behandelt, das die “geile”, lustvolle Aggression des Mannes (oder mehrerer Männer) um des Zusehers Willen dankenswerterweise annehmen soll. Es ist deswegen auch kein Wunder, dass heutige „Mainstream“-Pornos aus dem Internet oft als frauenverachtend bezeichnet werden. Der Akt des Koitus wird als männliche Angelegenheit dargestellt, der Mann als das stärkere Geschlecht, welches entscheidet was im Schlafzimmer passieren soll; in anderen Worten: was er die Frau machen lassen will. Ob es „Blow-Jobs“ oder „Doggy-Style“- Positionen sind: es ist nicht nur entwürdigend, sondern kreiert zudem ein vollkommen verzerrtes Bild einer gesunden sexuellen Beziehung zwischen Mann und Frau.

Ein knallhartes Business Dazu kommt, dass viele Frauen keine andere Wahl haben und deshalb diesen Beruf nie dezidiert gewählt haben: Laut einer Statistik der Vereinten Nationen werden dem nicht genug, um die 1,8 Millionen Kinder sexuell missbraucht - darunter auch für die Sexindustrie. Diese Industrie verstärkt die Nachfrage für Sexsklaven und die Omnipräsenz von Sex im Bereich des Menschenhandels. Wenn man Online-Berichten Glauben schenken möchte, so wird die Produktion von Sexvideos als Teil des Handels gesehen, jungen, „unerfahrenen“ Mädchen werden Videos vorab gezeigt – um sie zu desensibilisieren und vorzubereiten. Jeder Nutzer von Online-Pornografie sollte daher nicht nur sein Verhalten hinterfragen, sondern auch welche Machenschaften er damit eigentlich unterstützen könnte.

Von der Neugier in die Abhängigkeit 23% aller unter 18-Jährigen Jungen, die Online-Pornografie ausgesetzt waren, berichten aufgehört haben zu wollen, es allerdings nicht geschafft zu haben. Während bei Mädchen die Zahl zwar wesentlich geringer ist, weist sie auf ein essentielles Problem hin: Pornografie kann mehr als nur kurzzeitige Schäden anzurichten, sie ist eine wahre Droge geworden. Laut einer Studie des Neuropsychiaters Dr. Voon von der Cambridge University, kann man Veränderungen des Gehirns in identen Arealen erkennen, vergleiche man Heroin- mit Pornografie-Abhängigkeit. Dabei haben Betroffene nicht nur ein quantitatives, sondern auch qualitatives Problem: ihr Geschmack verändert sich. Pornografische Inhalte rufen im menschlichen Gehirn die gleichen Substanzen hervor, wie Sex selbst. Dopamin wird freigelassen und gibt ihm das Gefühl es hätte etwas geschafft - das Belohnungssystem wird aktiviert. Kurz gesagt: häufige Pornografie-Nutzung bringt dieses System aus der Balance und hat zur Folge, dass sich Patienten nicht mehr sexuell erfüllt fühlen und nicht nur in Quantität ihre Nutzung steigern müssen, sondern auch in der Form der Inhalte. So kommt es nicht nur zur Nutzung immer heftigerer, brutalerer Inhalte, aber auch einem statistisch bewiesenen Anstieg an Vergewaltigungen, ehelich-häuslicher Gewalt, Trennungen, Job-Verlusten und Wünschen nach Anal-Sex unter Betroffenen.

Lösungsvorschlag: „Alternative Porn“? Anders als Kokain oder Heroin wird Pornografie seitens des Elternhauses oder akademischer Institutionen jedoch kein eindeutiger Riegel vorgeschoben: Zu groß die Scham, zu sehr ist es ein Tabu-Thema in gut bürgerlichen Familien. Was viele dabei vergessen: Anders als Kokain ist Pornografie heutzutage fast überall zugänglich – selbst während eines aufklärenden Gesprächs lauert die nächste lesbische Orgie nur 2 Klicks entfernt auf dem Handy des Kindes. Es braucht daher pro-aktive, informierte, mutige und konsequente Eltern, die ihre Kinder in Zusammenhang mit einer frühen Sexualerziehung über die Gefahren von Pornografie und dessen falsche Bilder aufklären. Doch abgesehen von Engagement seitens der Bürger braucht es legale Wege, um diesen Internet-Riesen auf Staatsebene entgegenzutreten. Es darf nicht sein, dass es tatsächlich nicht mehr als ein Handy und einen Internetzugang braucht, um sich als Minderjähriger ernsthaft schädigendem pornografischen Material hinzugeben. Der brutalen Inhalte wegen, welchen viele Jugendliche ausgesetzt sind, gibt es zurzeit eine Initiative namens „Alternative Porn“, welche für eine realistischere und ausgeglichenere Darstellung pornografischer Inhalte wirbt. Inwiefern dies das Problem der Abhängigkeit vieler Jugendlicher lösen soll ist unklar, doch es ist zumindest ein Anfang. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Uns beim Sex zu filmen. Und zwar bei echtem Sex. So wie wir es richtig machen.

 

Par Raphael Bucher