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Vielen Dank für die Blumen

Zwischen Girl Power und Lippenbekenntnissen: Feminismus in der Krise. Statt Blumen, Frauentags Rabatten, oder pseudofeministischen Print Shirts brauchen wir wieder echten feministischen Kampf, denn grade in der Krise zeigt sich: Frauen sind bedrohter von den Auswirkungen der Krise und von Rückschritten im Feminismus.

Natürlich war 2020 ein Scheißjahr für alle, das steht außer Frage. Aber für Feminist*innen war 2020 das Jahr in dem klar wurde: In der Krise sind Frauen* egal.

Und das obwohl man meinen könnte Feminismus sei in den letzten Jahren so beliebt wie nie geworden: „We should all be feminists“ steht auf 620€ Dior T-Shirts, feministische Songs sind in den Charts, Musiker*innen und Bekannte Gesichter aus den Sozialen Medien bezeichnen sich öffentlich als Feminist*innen, und in Berlin ist der 08. März, der internationale Frauentag, zum gesetzlichen Feiertag erklärt worden.

The future is female, feminist af, boss babe, history is her story und girl power sind einige der vielen populären „feministischen“ Slogans, die man auf Instagram, auf dem Chanel Laufsteg, H&M T-Shirts oder in der Musik wiederfindet. Was sie alle gemeinsam haben: inhaltslosen Pseudofeminismus, der sich gut verkaufen lässt.

Das soll kein Ausspruch gegen die Beliebtheit von Feminismus sein, keineswegs!! Jede Feministin* freut sich über jede*n die das Problem des Sexismus und der Geschlechterungleichheit erkannt hat, Feminismus soll Massen bewegen und soll eine Bewegung für jede*n sein. Meine Kritik richtet sich gegen die, die dem Feminismus den Kampf absprechen, ihn verwässern, verniedlichen und verkaufen wollen und gegen die, die sich Feminist*in nennen, ohne darauf Handlungen für die Geschlechtergerechtigkeit folgen zu lassen oder gar das oppressive Herrschaftssystem unterstützen. Ein Bekannter von mir sagte mal: „Feminismus cool, aber gendern? Nein Danke!“ und so sehr es mich geschockt hat fasst es diese Form von  Feminismus gut zusammen: „Feminismus ist cool, aber etwas ändern? Nein Danke!“  Feminismus wurde zu einem Lippenbekenntnis, selten sieht man „boss babes“ oder „af feminists“, die die Unterdrückung der Frauen in unglamourösen Welten der Abtreibungen, der häuslichen Gewalt, der Altersarmut oder der Prostitution anklagen. Feminismus hat seinen Weg in die Popkultur geschafft, er wurde cool, er wurde Mainstream. Aber wirkliche Maßnahmen zu treffen, die Frauen mehr Rechte, mehr Anerkennung für ihre Arbeit, mehr Sicherheit geben, darum geht es lange nicht mehr.

Grade jedes Jahr am 08. März, sehen wir viele dieser Lippenbekenntnisse. Menschen, die an 364 Tagen nicht an die Rechte der Frauen denken, verteilen Blumen, wünschen Alles Gute, aber etwas an dem Herrschaftssystem was die Ungleichheiten hervorruft möchte man nicht. Beispielsweise twitterte die CDU am Weltfrauentag ihre Glückwünsche an die Frauen und „Alleskönnerinnen,“ hält aber immer noch am Ehegattensplitting fest, eine Form der Besteuerung von Ehepartnern, die häufig Frauen in eine finanzielle Abhängigkeit drängt, da es große finanzielle Vorteile hat, wenn es einen großen Einkommensunterschied zwischen den Ehepartnern gibt. Diese finanzielle Abhängigkeit kann besonders nach Scheidungen oft zu Altersarmut bei dem schlechtverdienenden Ehepartner führen, und dies ist nun leider oftmals die Frau.

Blumen verteilen ist einfach, wir haben es am Anfang der Corona Krise gesehen: Es wurde applaudiert, Dankbarkeit ausgesprochen und Blumen wurden verschenkt für die „systemrelevanten“ Berufe. Ca. 70% der Arbeitnehmer*innen in sozialen und Pflegeberufen weltweit sind Frauen* und leben oft mit sozialer Unsicherheit. Blumen zu verteilen und zu applaudieren ändert die Missstände in diesen Berufen nicht. Zu wenig Bezahlung, zu wenig Personal, zu viel Arbeit können nicht von Applaus und Blumen geändert werden. Die Tariferhöhung des Herbstes, die als eine finanzielle Anerkennung des Pflegepersonals dargestellt wurde, ist aber nur eine Lohnerhöhung für das Pflegepersonal was in öffentlichen Einrichtungen arbeitet und nicht für die meisten Pflegenden die in privaten Krankenhäusern, Altenheimen etc. arbeiten, obwohl nur ca. 4% der Altenheime Deutschland in öffentlicher Hand sind.

Zudem kommen andere weitreichende und schwerwiegende Einschnitte in das Leben und die Rechte der Frauen durch die Covid-19 Pandemie. Die reproduktiven Rechte der Frauen* und ihre Entscheidungen über ihre Körper wurden eingeschränkt. Immer weniger Ärzte führen Schwangerschaftsabbrüche vor, dazu kam die Knappheit an Schutzbekleidung und Desinfektionsmittel am Anfang der Pandemie, die die Lage verschlimmerte. Durch die Pandemie wurden teilweise Beratungsstellen geschlossen, oder ihr Angebot reduziert, und das obwohl eine solche Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch in Deutschland verpflichtend ist. Eine Möglichkeit den Frauen eine selbstbestimmtere Entscheidung über ihren Körper während einer Pandemie zu ermöglich ist ein von zuhause durchgeführter medikamentöser Abtreibungsprozess, für den man zwei verschiedene Pillen nehmen muss. Diese sogenannte „Home Use“ Abtreibung wurde zum Beispiel in Großbritannien bis zur 9. Schwangerschaftswoche erlaubt. Dies ist nicht nur ein einfacherer Zugang für Frauen zu einem Schwangerschaftsabbruch während der Pandemie, sondern es entlastet gleichzeitig das Gesundheitssystem, da für operative Abtreibungen, die durchgeführte Methode in 3 von 4 Abtreibungen in Deutschland, mehr Zeit brauchen und mehr medizinisches Personal, da zur durchführenden Gynäkolog*in auch ein*e Anästhesist*in anwesend sein muss.

Zudem kommt, dass Frauen ca. 70% der unbezahlten Sorgearbeit machen und durch die Pandemie eine enorme Mehrbelastung spüren konnten durch die Schließung von KiTas, Schulen und Freizeitangeboten der Kinder. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung konnte nachweisen, dass hauptsächlich Frauen die höhere Sorgearbeit und Betretung der Kinder während der Pandemie übernahm.

Die Zahlen der häuslichen Gewalt sind zudem erheblich gestiegen, telefonische Beratungsstellen geben ca. 20% mehr Anrufe an, was Experten auf die Quarantäne, erhöhte existentielle Sorgen und generellen Stress zurückführen.

Egal wie viel schon erreicht wurde, die Rechte der Frauen* sind Menschenrechte und somit ist der Kampf für sie an jedem Tag unentbehrlich und akut - nicht nur am internationalen Frauentag . Gerade in 2021, da wir sehen können, wie Erfolge der Frauenbewegung Rückschritte machen.

Vielen Dank für die Blumen! Aber wenn sie nur aus einer (politischen) Pflicht kommen sich bei Frauen zu bedanken oder am 8. März Frauen anzuerkennen, dann möchte ich sie nicht! Blumen sind eine nette Geste an jedem Tag, aber um so an einem Tag Frauen anerkennen zu wollen , ohne dabei die Ungerechtigkeiten anzuklagen, ist kein politisches Statement. Genau wie die Print T-Shirts ist dies nur ein Lippenbekenntnis, wenn darauf kein feministischer Kampf, keine feministische Politik und keine Änderung der Umstände entsteht. Am 8. März sollte es nicht um Blumen gehen: am feministischen Kampftag brauchen wir, so wie an den anderen 364 tagen ebenfalls echten Feminismus, der sich alle Frauen kämpft.

Anmerkung der Autorin: In diesem Artikel wird über Feminismus gesprochen. Dabei werden Diskriminierungen außerhalb des Sexismus sowie intersektioneller Feminismus außer Acht gelassen, obwohl es auch wichtig ist, diese zu erwähnen. Feminismus ist nicht nur ein Kampf für privilegierte Frauen, die keine zusätzlichen Diskriminierungserfahrungen machen müssen auf Grund ihrer sexuellen Orientierung, Herkunft, Ethnie, Behinderung oder der wirtschaftlichen Stellung etc.
Zudem wird der Begriff Frauen mit einem * versehen, um auch diejenigen mit einzuschließen, die z.B. nicht binär sind oder menstruieren sich aber nicht als Frau definieren, dennoch aber ähnliche Diskriminierungserfahrungen machen.

Leonie Thunhorst