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(K)ein hoch auf uns
Als mir mein Mitbewohner vor einigen Wochen die scheinbar simple Frage stellte, was denn eigentlich deutsch sei, flüchtete ich mich in gefährlichen Halbwahrheiten gar Klischees. Deutsche seien zielstrebig, von einer gewissen Bescheidenheit geprägt und organisatorisch begabt. Bald darauf kamen mir erste Zweifel an meiner Spontanaussage. Was ist denn überhaupt „deutsch“ in Zeiten von deutsch-französischen Campusse und einer multikulturellen deutschen Gesellschaft?

 

Deutschlands Bild in der Welt könnte in den letzten Wochen kaum ambivalenter sein. Zwischen der Aufnahme von 1,5 Millionen Flüchtlingen, die weltweit neue Lobeshymnen über deutschen Humanismus und Organisationsfähigkeit freisetzte und dem VW Skandal, der weltweit als eine Krise Deutschlands erfasst wurde, lagen nur die unterschiedlichen Rubriken in den Tageszeitungen.  Nicht zuletzt ergänzte sich „Das zerstörte Sommermärchen“ dazu, was der Spiegel Redakteur Jakob Augstein in Verbindung mit dem „Dieselgate“ polemisch, als 11. September für Deutschland beschrieb.

Beide Seiten der Medaille zeigen ein Selbstverständnis der Deutschen, welches erst in den letzten Jahren ein neues Gesicht bekam.

Da ist zum einen die politische Ebene, als Spiegel der Gesellschaft und personifiziert durch Merkel, welche Deutschland nun wieder an seinen alten Platz gebracht haben soll. „The German Übermacht“ (Spiegel 13/2015) ist zumindestens in der Perzeption vieler ausländischer Medien und Politiker in Europa wiedergeboren. Dass eine derartige Kritik aber nicht etwa aus dem fernen Griechenland, sondern auch aus höchster politischer Ebene fern dem Rhein kommen kann, beweist Arnaud Montbourg 2011: „Bismarck vereinigte die deutschen Fürstentümer, um Europa und insbesondere Frankreich zu beherrschen. Angela Merkel will in frappierend ähnlicher Weise ihre internen Probleme lösen, indem sie die Wirtschafts- und Finanzordnung der deutschen Konservativen dem Rest Europas aufzwingt.“ Auch wenn Deutschland gemeinhin als das beliebteste Land der Welt gilt, ist man, so wird die deutsche Politik unangenehm auch schnell bei Nazigvergleichen, wie es in Griechenland der Fall war. Die Vergangeheit holt dann die Deutschen wieder ein. Dass die aktuelle politische Richtung der Bundesrepublik keinesfalls nach einer Hegemonialstellung in Europa strebt, ist eine Tatsache. Vielmehr spiegelt sich in der deutschen Politik ein gewisse Überheblichkeit wider, während das Land doch eigentlich ein aussenpolitischer Zwerg ist. Schon Schiller erkannte bei den Deutschen Hochmut: "Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit." Ob es nun um militärische Einsätze in Libyen oder Mali geht, letztendlich holt auch hier die Vergangenheit die Deutschen wieder ein.

National hat man sich nicht nur mit einer Politik der „kurzen Sicht“ abgefunden, sondern auch die Beliebtheitswerte zeigen, dass Merkel die gefundene Frau ist für die deutsche Politik ist.  Ganz im Interesse der Deutschen plätschert die Politik vorbei und Merkel trifft im Namen des Volkes durchaus die richtigen Entscheidungen, so erlebt beim Atomausstieg oder der Flüchtlingsfrage.

Man scheint sich mit der gegenwärtigen Situation Deutshlands also durchaus zufrieden zu geben. Ohne Frage, der Wirtschaft geht es prächtig und den Deutschen geht es global gut wie lange nicht mehr. Bemerkenswert ist trotz allem der Rückzug meinesgleichen in eine spießig anmutende Welt fern von dem internationalen weltoffenen Deutschland. Zu Hause wir nun Landlust gelesen und man erfährt wie man „mithilfe von einfachen Luftballons fast märchenhafte Schalen gestalten“ kann. Marginal könnte man meinen, doch bei 1,5 Millionen Lesern wohl eher als Biedermeier reloaded in Zeiten von Mutti zu verstehen.

Um auf die andere Seite der Medaille zu sprechen zu kommen. Auch diese gibt zunächst ein sehr positives Bild ab.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland entfachte eine veritable Begeisterungswelle. Nicht nur Autos waren schwarz-rot-gold geschmückt; das ganze Land schien irgendwann in den Nationalfarben dazustehen. Auch die Nationalhymne, selbstverständlich mit Hand auf dem Herzen, entwickelte sich aus der obligatorischen Singeinlage zu einer deutschen Hymne der Gemeinschaft.

Zum ersten Mal zeigte sich eine nicht gekannte Identifikation mit Deutschland, die man sonst zu verstecken versuchte, um der großen historischen Verantwortung zu entfliehen. Eher als sich als Deutscher zu identifizieren, neigte man und tut es nach der deutschen Bewusstseinsfindung in den letzten Jahren vielleicht weniger, sich eher als „Weltbürger einer Weltgesellschaft zu sehen, als freie Bürger einer freien Welt, als Atlantiker oder Europäer“ zu sehen. Der Schriftsteller Bernhard Schlink kommt zu diesem Urteil und trifft einen wunden Punkt in der deutschen Identität. Ein seltsam mulmiges fast schuldiges Gefühl kommt in einem auf, wenn man so zum Beispiel in Israel nach seiner Nationalität gefragt wird oder mit den Festivitäten der Nationalfeiertage in Frankreich oder Polen konfrontiert wird. Auch als Teil der sogenannten Dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, den Nationalsozialismus lediglich aus Erzählungen der Großeltern kennend, scheint die „Schuld- und Verantwortungsgemeinschaft“ der Deutschen zwar zunehmend zeitlich und auch medial zu verblassen, das Erbe der Verantwortung und Auseinandersetzung ist trotzdem in der Bildung und auch in der Erziehung präsent. Selbst der deutsche Fußballspieler Christoph Metzelder äußerte dieses Grundgefühl der Deutschen 2006, endlich ein versöhnlicheres Verhältnis zum eigenen Staat zu entwickeln: „Wir vergessen die Mahnung dieser zwölf Jahre der Nazi-Zeit nicht, wir haben sie im Kopf. Aber wir können unbefangen und unbekümmert leben, und so können wir auch Fußball spielen."

Aus der „Welt zu Gast bei Freunden“ wurde in letzter Zeit jedoch die „Korruption zu Gast bei Freunden“ und somit die gesamte Bedeutung des Ereignisses und der deutschen Moral in Frage gestellt. Auf der einen Seite Benimmregeln für Flüchtlinge aufstellen und auf der anderen Seite sind tief korrupte Personen Teil des öffentlichen Lebens. Die Leitkulturdebatte rund um Flüchtlinge gerät so zu einer Farce, wenn Sigmar Gabriel fordert, dass man unsere Werte nicht nur kennen, sondern auch aktiv annehmen soll. Die Frage ist nur von welchen Werten man hier ausgeht, die Deutschen können es wohl kaum sein.

Zwischen korrupt und human, zwischen Willkommenskultur und Hochmut, Deutschland zeigt viele Seiten von sich. Ob das nun deutsch oder nicht ist, bleibt letztendlich eine Momentaufnahme und eine Perspektive. Fest steht, Gott sei Dank, dass aus einem nationalen,  ein multinationaler Staat wird. Oder ist dieses wiederum auch ein deutsches Phänomen?

 

Par Lukas Schneider